
Geschichte Südtirols
Danke an Prof. Rolf Steininger, Institut für
Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, für den folgenden
Aufsatz über die Geschichte Südtirols. Weitere Informationen
zum Autor unter www.rolfsteininger.at.1. 1919-1939: Teilung und faschistische Entnationalisierungspolitik 2. 1939-1945: Das Hitler-Mussolini-Abkommen, Option und Krieg 3. 1945-1948: Das Gruber-De Gasperi-Abkommen, das erste Autonomiestatut und das Optantendekret 4. 1948-1956: Scheinautonomie und wenig Hilfe von Österreich 5. 1957-1960: Von Sigmundskron zur UNO 6. Die Attentate 7. Das "Paket" 8. "Das deutscheste aller deutschen Länder" 9. Die Entwicklung bis heute 10. Schlussbetrachtung 10. SchlussbetrachtungBlickt man zurück, so ist trotz aller Probleme und Enttäuschungen die Autonomiebilanz nicht negativ, sondern eher positiv. Mit dem Pariser Abkommen und dem Paket wurde die Grundlage für das Überleben der deutschsprachigen Südtiroler in einem fremden Staat geschaffen. Wer heute mit offenen Augen durch das schöne Land fährt, kann die Erfolge der Autonomiepolitik nicht übersehen. Trotz der jahrzehntelangen Abtrennung von Österreich sprechen die Südtiroler ihre Sprache wie eh und je, leben ihr Leben und gehen ihren Gewohnheiten nach. Bozen ist zwar verändert worden, aber die Dörfer in Südtirol sind Tiroler Dörfer geblieben. Das Land hat in den vergangenen 20, 30 Jahren einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Es gibt keine unüberwindbaren sozialen Spannungen, und auch die politischen geistern häufig nur durch die Schlagzeilen bestimmter Zeitungen. Nicht alles, was aus dem Süden kam, war schlecht. Italienische Kultur und Lebensart werden heute von sehr vielen Südtirolern durchaus als Bereicherung verstanden – etwas davon könnte wohl auch Nordtirol nicht schaden. Die italienische Sprache zu beherrschen ist für die Jüngeren längst eine Selbstverständlichkeit geworden und eröffnet neue, bisher nicht gekannte Möglichkeiten. Über
allem schwebt und arbeitet in geradezu majestätischer Höhe
Landeshauptmann Luis Durnwalder, unangreifbar
für den politischen Gegner. Triumphaler Höhepunkt waren
die Landtagswahlen vom 22. November 1998, aus denen die SVP als
strahlende Siegerin hervorging. Die Opposition wurde vernichtend
geschlagen von einer übermächtigen SVP, die 56,6 Prozent
der Stimmen errang – und damit 21 Mandate im Landtag, zwei
mehr als bisher. Den größten persönlichen Erfolg
verbuchte Luis Durnwalder, der 104.001 Stimmen erhielt –
ein einmaliger Vertrauensbeweis für den populärsten
Landeshauptmann aller Zeiten. Die Südtiroler gehören heute zu den am besten geschützten Minderheiten auf der Welt. Bis dahin war es ein weiter und schwieriger Weg. Aber jetzt ist es offensichtlich geschafft: völlige Gleichstellung der deutschen mit der italienischen Sprache und Zweisprachigkeit im öffentlichen Dienst, wesentliche autonome Gesetzgebungs- und Verwaltungsbefugnisse (primäre, sekundäre und "tertiäre" Gesetzgebung), ethnischer Proporz im öffentlichen Dienst, d.h. Vergabe von öffentlichen Stellen im Verhältnis zur zahlenmäßigen Stärke der jeweiligen Volksgruppe, ausreichende finanzielle Ausstattung, Kernstück einer jeden Autonomieregelung (finanzielle Ausstattung des Landes in der Hauptsache mittels Abtretung von Anteilen staatlicher Steuern und Gebühren, jeweils bezogen auf die im Land erzielten Erträge; Beteiligung des Landes auch an den Finanzmitteln aus Sonderfonds und sonstigen Finanzierungen des Staates, eigene Landesabgaben). Diese Dinge sind im Autonomiestatut von 1972 festgeschrieben und in den folgenden Jahren weiterentwickelt worden. Welche Aufgaben sich für die Südtiroler für die Zukunft ergeben, hat schon 1984 niemand besser formuliert als Friedl Volgger, der als Politiker und Journalist fast ein halbes Jahrhundert an vorderster Front im Kampf um Südtirol stand. Was er damals in seinen Erinnerungen schrieb, gilt auch heute noch: "Weltoffen und aufgeschlossen sollen wir unsere Kräfte mit denen der anderen Sprachgruppe messen. Unsere Devise für die Zukunft soll heißen: Selbstbewusstsein, Arbeit, Einsatz und nicht nur Selbstbemitleidung. Die Bitternis, die uns die Teilung Tirols gebracht hat, darf uns nicht den Glauben an die Zukunft unseres Landes nehmen. Gemeinsam können wir sie meistern. Ja mehr noch: Wir sollten uns in Tirol die Chance nicht entgehen lassen, im Kleinen das Muster eines zukünftigen Europa zu bauen." Inzwischen fordern immer häufiger Interessierte aus ganz Europa, besonders aus dem Osten, aber auch aus anderen Ländern der Welt, das Südtiroler Autonomiemodell als Unterlage zum Studium der eigenen Volksgruppenprobleme an oder informieren sich vor Ort in Südtirol. Südtirol kann sicher Anstoß zur Lösung der vielfältigen Volksgruppenprobleme in Europa oder anderswo bieten – mehr wohl nicht. Die Ausgangslagen sind in der Regel anders und nicht übertragbar. Wichtig – und auch für Südtirols Entwicklung bestimmend – war und ist, dass eine jeweilige Minderheit von der UNO als solche anerkannt wird. Dadurch wird der betroffene Staat genötigt, eine international akzeptierbare Lösung für seine jeweilige Minderheit zu finden. Oder, wie es der frühere österreichische Bundespräsident Rudolf Kirchschläger formulierte: "Das Verständnis für eine Minderheit und für ihren Willen zur Selbstbehauptung ist nicht eine Frage des persönlichen Stils allein, sondern eine Ausdruck der staatspolitischen Klugheit." Hinzu kommen Dialogbereitschaft und das Entgegenkommen beider Parteien zu einer Lösung. Italien brauchte dafür mehr als 40 Jahre. Auf die Frage, ob die Südtiroler Autonomie als gutes Beispiel für die zukünftigen Mitgliedsländer der Europäischen Union gelten könne, antwortete der ehemalige italienische Ministerpräsident – der besonders autonomiefreundlich gewesen war – und jetzige EU-Kommissionspräsident Romano Prodi am 3. Januar 2000: "Die Jugendlichen in Südtirol studieren in Bologna oder Innsbruck, ganz wie sie wollen. Das ist Europa, das ist die neue Welt. Ich behaupte nicht, daß die Südtiroler Autonomie und das Zusammenleben perfekt sind, um Gottes willen. Aber die Art der geistigen Einstellung, die kulturelle Stärke, die in der Verschiedenartigkeit liegt, sind meiner Meinung nach die einzige und beste Möglichkeit, in Europa zu leben. Deshalb muß das Vorbild Südtirol auch für [die EU-Beitrittskandidaten in] Osteuropa gelten." |